… oder das Gegenteil von „manchmal ist das schönste an meinem Job, dass sich der Bürostuhl dreht“. Weil – echt jetzt? Das wäre nämlich wirklich schade. Ganz schön provokant formuliert für einen Artikel, der eigentlich eine Hommage sein soll an die Leidenschaft. Wie das manchmal so ist, hatten wir einen knackigen Artikel mit ein paar hilfreichen Fragen für euch im Kopf. Es kam aber anders.

Wie kommen wir zu diesem Blogpost.. ? Naja um die Jahreswende rum sinniert doch fast jeder so ein bisschen, lässt das vergangene Jahr Revue passieren, überlegt sich was besonders toll war, was sich verändert hat, wovon man Abschied nehmen musste. Und was eben nächstes Jahr besser oder zumindest anders werden soll. Denn dazu hat jeder von uns jeden Tag aufs Neue die Chance.

Und ganz unabhängig von Silvester sind irgendwann wohl alle Eltern mal an dem Punkt, an dem über die zukünftige berufliche Situation debattiert wird. Nicht nur Eltern natürlich, aber das war jetzt eben unser Anstoß. Das Elternsein verändert irgendwie so vieles. Man weiß noch mehr, wofür man Geld verdient. Und die Zeit, die wir von unserem Kleinen getrennt sind, die möchten wir sinnvoll nutzen und eben genau das tun, was wir lieben. Für alles andere ist die Zeit zu kostbar. Und das gilt dann eigentlich wiederum für alle.

So und jetzt spannen wir den Bogen zurück, denn wie sollte man mehr lieben können, was man tut, wenn man mit Herzblut und Leidenschaft bei der Sache ist? Genau deswegen.

The only way to do great work is to love what you do.

Ja, das hört sich sehr schön an. Aber so leicht ist es eben nicht immer, denn nicht jeder und vor allem kaum die, die gerade vor der wichtigen Frage stehen, welche Ausbildung sie machen oder für welchen Studiengang sie sich einschreiben sollen, wissen wirklich, wofür ihr Herz brennt. Dann macht man eben, was fast alle in der Familie schon gemacht haben, was der Papa gerne hätte, was der beste Freund macht, was gut klingt, was man in seiner Traumstadt studieren könnte, wofür der Abischnitt reicht, womit man meint das meiste Geld zu verdienen oder am besten aufgestellt zu sein oder oder oder. Man will die Familie ja nicht enttäuschen, die sind doch so stolz, weil man sich für das Medizinstudium entschieden hat. Nicht selten ist man schneller als man merkt im beruflichen Hamsterrad, hat den falschen Job gewählt und fühlt sich unglücklich, ausgebrannt, nutzlos, gelangweilt, unterfordert. Fragt sich nach dem Sinn des Lebens. Und wartet ständig auf den Freitag.

Mit einer Mischung aus Sehnsucht und Frustration liest man dann immer wieder von Menschen, die den Mut hatten, ihren langweiligen Job an den Nagel zu hängen und ihre eigentliche Leidenschaft zum Beruf zu machen. Denn seien wir mal ehrlich: das Mantra „go for whatever makes you happy“ ist gerade sehr in.

Was bedeutet in dem Zusammenhang überhaupt „Leidenschaft“? Nunja, das ist vermutlich ebenso individuell wie die Leidenschaft eines jeden einzelnen. Aber im Großen und Ganzen für uns Freiheit, Kreativität, Enthusiasmus und eben: Individualität.

Ist man mit Leidenschaft bei der Sache, lebt man seinen Traum und führt – kurz gesagt, ein erfüllte(re)s Leben. Und warum machen das dann so wenige? Wahrscheinlich gibt es zwei Antworten auf diese Frage: die einen haben Angst und die anderen wissen nicht, was eigentlich ihre Leidenschaft ist.


Unsere Lebenswege könnten unterschiedlicher nicht sein:

Jan hat bereits sehr früh seine Liebe und Passion für die Musik entdeckt. Sogar in den Urlaub wurde sein Keyboard mitgenommen und wenn er an seine Schulzeit zurückdenkt, dann schwärmt er hauptsächlich von Big Band-, Chor- und Orchesterproben, der eigenen Band, Theater-AG, Weihnachtskonzerten usw. Er war so überzeugt und voller Enthusiasmus, dass er sogar die Schule geschmissen hat, um beim Musical Buddy Holly in Hamburg einzusteigen. Dadurch öffnete sich die Tür zur Schauspielerei. Dennoch, die Musik zieht sich durch sein Leben wie ein roter Faden und wäre er heute nicht Schauspieler, wäre es sein größter Wunsch gewesen, Filmmusik und Komposition zu studieren.

Er hat immer geliebt, wofür er sich entschieden hat und lebt dadurch auch immer schon seinen Traum. Eine wunderbare Sache, aber leider geht es eben nicht jedem so.

In Julias Welt kam so etwas wie Schulabbruch nicht vor. Pflichtbewusst hat sie das Abi durchgezogen, ohne überhaupt zu wissen, in welche Richtung sie sich beruflich entwickeln möchte und war dann nach dem Schulabschluss ziemlich ratlos, welchen Weg sie einschlagen soll. Denn eine Leidenschaft, wie Jan sie für die Musik entwickelt hat, hatte sie nicht. Oder sollte man sagen „hatte sie nicht entwickeln können“? Sicher würde wohl fast jeder raten, wenn es um den zukünftigen Beruf geht „du sollst machen, was dir Spaß macht“. Natürlich auch unsere Lehrer. Aber wie sieht eine Hinführung konkret aus, wenn nicht eine offensichtliche Leidenschaft oder Begabung vorliegt? Bei genauerem Betrachten, was denn dann konsequenter Weise für eine individuelle Entwicklung und Persönlichkeitsfindung getan wird, muss man doch schlussfolgern, es ist mehr eine Floskel, als dass sie wirklich gelebt wird. Ohne alle über einen Kamm scheren zu wollen (Ausnahmen gibt es ja bekanntermaßen überall), aber zumindest zu unserer Zeit hat es die Lehrer auch nicht interessiert. Überspitzt formuliert würde man sagen, es ist stumpf, etwas netter formuliert „sie denken darüber nicht nach“. In den 13 Jahren Schulzeit erinnert sich Julia an zwei Unternehmungen in die richtige Richtung: ein Tag „Schüler im Chefsessel“ (danach war die Chirurgie gestorben) und ein Persönlichkeitstest in der Kollegstufe – viel zu spät.

Aber natürlich geht es nicht nur um die Lehrer, sondern in erster Linie um die Eltern, deren Aufgabe es in unseren Augen ist, ihr Kind genau zu studieren und so herauszufinden, wo seine Begabung und sein Interesse liegt. Es bringt wenig, seinen Sohn weiter zum Saxophon-Unterricht zu schicken, wenn er einfach keine Freude daran hat, nur weil der Papa so gerne hätte, dass das Kind musikalisch wird.

In der heutigen Zeit wird ja aber ohnehin wieder sehr viel mehr Wert auf die Entwicklung und Förderung unserer Kinder gemäß ihren Interessen gelegt und es passiert vermutlich seltener, dass Kinder einfach auf das Gymnasium XY gesteckt werden, weil es praktischer ist für die Mama oder da alle hingehen, ohne dass man überhaupt hinterfragt, ob das Kind vielleicht besser auf einem mathematisch-naturwissenschaftlichen oder einem sprachlichen Gymnasium aufgehoben wäre.

Ganz schön vom Pfad abgekommen… aber bei Julia wurde es letztendlich das BWL-Studium, was ja auch eher den Ruf hat, speziell für die gut zu sein, die nicht wissen, was sie sonst machen sollen. Und im Nachhinein ist die These sogar recht zutreffend. Es folgte der Bürojob und zeitgleich das Hamsterrad.

Um gleich mal klarzustellen: wir bereuen beide nichts. Jan hatte Glück und der Schulabbruch wurde ihm nie zum Verhängnis (abgesehen davon hätte sich der ja auch nachholen lassen), Julia ist froh um ihre Grundausbildung.


Nun aber nochmal zurück zu den zwei Mutmaßungen, warum die meisten Menschen ihrer Leidenschaft nicht nachgehen (können/wollen), denn da kann man ja heute ansetzen.

 

Grund 1: du hast Angst

Angst ist ja sehr vielschichtig. Es kann die Angst davor sein, was Andere sagen. Oder die Angst zu versagen, nicht gut genug zu sein, Fehler zu machen. Einfacher abhandeln lässt sich die Frage danach, wie andere reagieren. Man wird bestimmt einigen Leuten begegnen, die zweifeln, pessimistisch, kritisch und negativ sind.

Dazu ein kurzes Zitat von Bruce Lee:

Wenn du kritisiert wirst, dann musst du irgendetwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.

Zweifler und Neider sind leider auch oft die, die einen auf dem bisherigen Lebensweg begleitet- und vielleicht ein Problem damit haben, dass man nun einen anderen Weg einschlägt. Welche Beweggründe sie auch haben, ob eigene Unsicherheit oder Unzufriedenheit, Angst davor, das Leben in die Hand zu nehmen, verschenktes Potential, Neid darauf, dass man etwas anderes aus seinem Leben macht – ganz egal. Man kann und muss es nicht jedem recht machen. Einfach damit abfinden, dass sie existieren und weiter seinen Weg gehen (wir sprechen hier übrigens explizit nicht von konstruktiver Kritik, die steht auf einem anderen Blatt).

Hinter der Angst zu versagen hingegen steckt viel mehr. Fehler sind leider immer noch nicht wirklich gesellschaftstauglich, dabei sind sie die Grundvoraussetzung für Wachstum. Sie haben einen Sinn, weil sie uns zeigen, dass wir Dinge überdenken und nochmal nacharbeiten sollten. Sie sind vielmehr Feedback als Rückschlag. Also kein Weltuntergang.

Und jetzt noch zur Angst, nicht gut genug zu sein. Das ist im Wesentlichen eine Sache der inneren Haltung, denn ein starkes Selbstwertgefühl ist unerlässlich. Sogar der Grundpfeiler von allem. Es geht darum, seine Einzigartigkeit zu erkennen, sich selbst zu akzeptieren, bewusst zu leben, sich selbst zu lieben und eben nicht nach Perfektionismus zu streben, sondern eigene Fehler und Rückschläge zu akzeptieren. Einen Versuch ist es wert! Und du bist immer gut genug, um es auszuprobieren! Hier noch ein schöner Spruch, der gut zur Versagensangst passt:

What if I fail? Oh, but my darling, what if you fly?

Grund 2: du weißt nicht, was deine Leidenschaft eigentlich ist

Und die Suche danach liegt in der heutigen Zeit, wo es gefühlt nur noch darum geht, „sein eigenes Ding“ zu machen, tonnenschwer auf den Schultern derer, die ihren Weg noch nicht gefunden haben. Dabei hat das ganz viel mit Bauchgefühl, Intuition und der inneren Stimme zu tun.

 

Fragen wie diese können den richtigen Weg aufzeigen:

  • wofür begeisterst du dich?
  • was kannst du besonders gut?
  • worüber sprichst du gerne stundenlang?
  • was beschäftigt dich gedanklich?
  • über welche Themen liest du gerne?
  • bei welcher Tätigkeit vergisst du Raum und Zeit?
  • worauf freust du dich an deinen freien Tagen?
  • was macht dich glücklich?
  • was hast du früher gern gemacht?
  • hast du Ideen im Kopf, die du gerne in die Tat umsetzen würdest?
  • wofür kannst du richtig kämpfen?

 

Das ist aber alles auch nur Theorie. Am Ende geht es darum zu probieren, zu probieren, zu probieren. Erfahrungen sammeln. Merken, etwas passt nicht. Umsatteln. Seine Persönlichkeit entwickeln. Möglichkeiten entdecken. In der Fantasie hört sich vieles toll an, aber erst in der Praxis merkt man, ob man wirklich mit Herzblut bei der Sache ist. Alles um sich rum vergisst.

Auch wenn es Checklisten und Anleitungen im Internet gibt, wie man in 5 Schritten oder 30 Minuten seine Leidenschaft entdeckt, wir glauben nicht daran. Eine Leidenschaft braucht auch manchmal Zeit, sich zu entwickeln.

 

Habt ihr eure Leidenschaft gefunden?

 

Alles Liebe,

Julia und Jan